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2006 Teil 10: Orinoco


Am frühen Morgen des 29. Juni müssen wir nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Trinidad das Land verlassen, nur selten freut man sich über die Behörden. Aber in diesem Fall sind wir überglücklich, dass unsere Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Die Arbeiten an der Upps wurden wie ein Wunder einen Tag zuvor von allen Handwerkern fertig gestellt. In neuer Frische verlassen wir mit dem Katamaran Garabes  um 6.30 Uhr Chaguaramas und segeln Richtung Südamerika, unser Ziel ist das Orinoco-Delta in Venezuela.

Abends erreichen wir die Einfahrt in den Cano Manamo, einer der vielen Flüsse im Orinoco-Delta. 
Eine grün-rote Betonung ist deutlich zu sehen, die zuvor als kniffelige bezeichnete Einfahrt erschien uns doch sehr einfach zu  befahren. Aber dann bemerkt Bernd, dass seine Karte genau in der "Einfahrt" eine Gefahrenstelle bzw. Untiefe ausweist! Sehr tückisch! Offenbar sind den Venezuelern die Gefahrentonnen ausgegangen und da haben sie wohl einfach zu grünen und roten Tonnen gegriffen. Dementsprechend: Vorsicht für alle Segler, die diese Einfahrt als nächsten Ziel ins Auge fassen! Fahrwassertonnen können auch eine Untiefe kennzeichnen.

Wir ankern vor dem Ort Pedernales und klarieren am nächsten Morgen ein. Der Ort ist ärmlich, Blechhütten und sehr einfache Häuser! Unser Beiboot dürfen wir an einem Wasserschiff festmachen und der  Kapitän des Schiffes bringt uns zu den Behörden. Die Beamten sind sehr freundlich, das Einklarieren war überhaupt kein Problem (wir wurden zuvor etliche Male gewarnt - aber mittlerweile kennen wir ja die Seglergeschichten). 

Der nette Beamte strahlte, als er Bernds und mein Reisepass sieht und fragt, ob wir aus Deutschland seien. Unsere Nationalmannschaft würde gleich gegen Argentinien spielen, alle im Ort wollen sich das Spiel im Fernsehen anschauen! 

Das hatten wir völlig vergessen bzw. wir dachten, es wäre ein Tag später. Ich war Feuer und Flamme und fragte, ob wir das Spiel mitschauen könnten, aber da wurde der Beamte doch sehr zurückhaltend und meinte, sein Boss müsse dies entscheiden. Wir wollten nicht zu sehr drängeln und entschieden uns, dass wir lieber in der Ortschaft nach einen TV Gerät suchen. 

In einem Lebensmittel- und Bekleidungsladen wurden wir fündig, der Ladenbesitzer erlaubt uns mitzuschauen. Doch nach 30 Minuten wurde es ihm zu viel, er wollte lieber wieder verkaufen. Er führte uns in eine klimatisierte Bar, spendierte uns ein Bier und wünschte uns noch viel Spass beim Schauen! Dort saßen wir dann in mitten vieler Venezuelern, die schnell herausfanden, dass wir Deutsche sind. 

Natürlich hielten alle für Argentinien!!! Die Menschen waren sehr nett und freundlich, wir hatten ein unvergessliches Fußballspielerlebnis! Eine Runde Bier nach der anderen wurde spendiert, mal von den Dorfbewohnern und mal von uns! Die Spannung in der Kneipe war deutlich spürbar, aber selbst als Deutschland  letztendlich gewann, gratulierten uns alle, waren aber traurig, dass die südamerikanischen Freunde nun nach Hause reisen müssen.

Bester Laune setzen wir unsere Reise in die Wildnis fort. Vor unseren Augen eröffnet sich ein weitläufige Flusslandschaft umgeben von Urwald! Über unsere Köpfe fliegen die Papageien, in der Abenddämmerung bei Niedrigwasser sehen wir die roten Ibisse im Mud nach Würmern suchen. Das Flusswasser ist bräunlich und mit der Dämmerung kommen Moskitos und Bremsen. Unser Moskitonest wird in den folgenden 2 Wochen jeden Abend aufgehängt, ohne dieses wäre die Reise eine Qual!  

Unsere Beibootausflüge erlauben uns die kleinen Nebenflüsse zu entdecken, der Natur sehr nahe zu sein. Für manchen war es am ersten Tag zu nah, der Urwald mit seinen Spinnen und anderen Tierarten war ihr ohne Kopfschutz und  entsprechende Kleidung nicht geheuer. Die großen Ameisennester und die herabhängenden Äste, in denen gegebenenfalls Schlangen hängen könnten, erwecken in ihr kein Wohlbefinden. Ich finde die Natur einfach nur umwerfend!

Wir passieren die ersten Hütten der Wareos, den Indianer der Gegend! Faszinierend schauen ich mir die Hütten an, bestehend aus einem Dach aus Palmenblättern und eine Wohnfläche aus Bambusstangen, Seitenwände sind nicht vorhanden! Ein paar Hängematten dienen als Schlafplätze, eine paar Körbe stehe rum und ggf. finden wir Wäsche an einer Wäscheleine vor. Ansonsten haben diese Menschen nichts - ich glaube, wir Europäer wären nicht imstande unter solchen  Gegebenheiten zu überleben. 

Die Babys und Kleinstkinder laufen nackt herum, ältere Kinder haben Kleidung an. Mit ihren Kanus kommen sie zu uns ans Schiff gepaddelt, in der Hoffnung, dass wir ihnen etwas geben ( sie haben aber auf keine Fall gebettelt, sonder immer gewartet bis wir sie zu uns gewunken haben). 

Wir waren erstaunt, wie geschickt sie mit ihren Paddels die Kanus lenkten, egal welches Alter sie haben. Selbst Kleinkinder mit ihren Geschwistern (zum Teil Babys dabei) kommen ohne ihre Eltern an unser Boot gepaddelt, ich glaube, wir haben uns mehr Sorgen gemacht als die Eltern selbst. 

Natürlich hatten wir kleine Geschenke für die Kinder eingekauft, sie bekamen Luftballons,  Bonbons ( nicht zu empfehlen, würden wir heute weglassen - die Kinder haben keine guten Zähne ) , Bleistifte, Haarbänder für die Mädels, und Kleidung. Die Kleidung haben wir gegen Körbe und Holzarbeiten getauscht, sehr schöne Sachen!

Die Wareos sind sehr schüchterne Menschen, die sehr gastfreundlich sind. Wir bemerken aber , dass der Tourismus in Teilen des Cano Manamo bereits die Gewohnheiten verändert hat. Diese Kinder und Menschen stürmen auf unsere Schiffe, wissen, dass sie Korbware tauschen können und die Kinder hoffen auf Geschenke. 

Wir erreichen die Delta-Lodge, ein Urwaldcamp, dass Touristen für ein paar Tage besuchen. Ankern ist hier kaum möglich, da der Fluss Unmengen von Hyazinthen transportiert. Diese umklammern das Schiff und irgendwann kann der Anker die Last dieser Pflanzenmassen in der Strömung nicht mehr halten und bricht aus.

Auf der Rückfahrt, nachdem ich endlich meine Brüllaffen im Baum am Flussrand entdeckt habe und mit diesem Thema Ruhe gebe, entschied sich Bernd einen kleinen Nebenfluss (am Anfang in der Größe des Neckars) zu befahren. "Nur ein kleines Stück, um einen Eindruck zu bekommen", denn der Fluss sollte angeblich zu eng und flach werden.

Bernd und seine verrückten Ideen, dieser kleine Fluss wurde enger und enger. Ich glaube, die Garabes hätte ihn an diesem Tag so manchmal auf den Mars gewünscht, besonders als ein Baumstamm den Weg versperrte. Der Upps reichte die restliche Breite des Flusses, aber der Garabes nicht. Sie ankern und wir setzen unsere Weg fort, um zu sehen, ob wir wirklich in den Cano Pedernales kommen. Nach 1,8 Seemeilen ist dies auch der Fall, ich bin froh aus dem kleinen Fluss ohne Schaden (obwohl ich eine Baukrone mit dem Mast mitgenommen habe - hatte ja keine Erfahrung im Urwald mit der Upps zu fahren) herauszukommen. 

Da sagt mein Göttergatte, dass er nun wieder zurückfährt, um der Garabes zu helfen! Ich möchte anmerken, dass der Fluss so breit wie die UPPS lang ist und die Bäume überdeckten das Wasser, wie also drehen im Urwald??? Mein Vorschlag mit dem Beiboot zurück zu fahren, findet er nicht gut, da er die Upps nicht alleine lassen möchte und wir ja ggf. umkehren müssten, wenn die Garabes nicht den Baumstamm passieren kann. Na dann!!!

Das Ende vom Lied war eine im Urwald steckende Upps - von der Strömung auf den unter Wasser liegenden Baumstamm gedrückt und das Heck an Land. Dazu noch tropische Regenschauer - kann segeln schöner sein ? 

Eine Stunde haben wir mit Festmachern und Winsch gebracht die Upps zu befreien. Dann ist Bernd aber schnurstracks zur Ausfahrt gefahren und hat geankert! 2 Stunden später waren wir mit dem Beiboot zurück bei der Garabes, die weiterhin vor Anker vor einem Baumstamm im Urwald lag! 

Kurzum, auch die Garabes haben wir befreit und erreichten zusammen den Cano Pedernales! Als Mitbringsel  hatte die Garabes einen Baumfrosch (die sehr giftig sein können) unfreiwillig eingefangen.

Letztendlich haben wir den gesamten Fluss befahren, der den Cano Manamo mit dem Cano Pedernales verbindet. In dem Nebenfluss haben wir ebenfalls Ureinwohner angetroffen. Na ja, um ehrlich zu sein, dachten  sie sicher, dass wir ein Ufo vom anderen Stern sind, denn nach ihren Gesichtern zu beurteilen, haben sie nie in ihren Leben zuvor solch ein Schiff wie die Upps gesehen, schon gar nicht auf diesem Flüsschen. 

Sie starrten uns an, winkten sehr schüchtern und erst nach mehrmaligen heran winken, kamen sie an unser Schiff. Diese Menschen leben wie vor mehreren hundert Jahren. Sie fischen, sammeln Beeren und Bambus zum Essen. Die Kinder sind meistens nackt. Ich verteilte Kleidung an jedes ankommende Kanu. 

Die Wareos bedanken sich, aber die wirkliche Freude in ihren Gesichtern sahen wir erst, als sie dachten, dass wir weitergefahren sind und nicht mehr auf sie achten würden. Solche strahlende Gesichter habe ich selten zuvor in meinem Leben gesehen! Eine Familie bat uns kurz zu warten, paddelte schnell an den Flussrand zu ihrer Hütte und kamen dann mit einen Korb für uns zurück! Das war eine schöne Geste!!

Unsere Reise ins Orinoco-Delta war eines der schönsten Erlebnisse in unserem bisherigem Seglerleben! Eine einmalige Reise, die wir jedem Segler wärmstens empfehlen können. Das Land Venezuela und die Einwohner, die wir bisher kennen gelernt haben, sind mehr als einen Besuch wert. Leider sind die politischen Gegebenheiten zur Zeit nicht gut und selbst wir überlegen, welche Teile von Venezuela ohne größeres Risiko zu bereisen sind. Jedoch muss das jeder für sich entscheiden, da können wir keine Ratschläge geben.  

 
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